Initiative Endlich Wieder Hören

Initiative Endlich Wieder Hören

Botschafter Michael aus Mörfelden-Walldorf (Deutschland)

Michael, 59 Jahre aus Mörfelden-Walldorf ist Wartungsingenieur bei der Lufthansa. Nachdem er im Oktober 2011 sein erstes Cochleaimplantat erhielt, ist er seit September 2012 bilateral versorgt.

Michael ist Botschafter weil:

Ich möchte anderen, von Schwerhörigkeit betroffenen Menschen zeigen, was man alles durch ein CI gewinnen kann. Die Mühen der Operation, der Anpassung des Sprachprozessors und des Lernprozesses lohnen sich - man kann wieder aktiv am Leben teilnehmen, und so viel Lebensfreude zurück gewinnen. Diese Erfahrung möchte ich gerne mit anderen teilen.

Erfahrungsbericht Michael

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Erfahrungsbericht Michael

1. Wie stark ist dein Hörverlust? Wann und warum ist dein Hörverlust aufgetreten?
Während meines ersten Studienjahres habe ich über Nacht einen beidseitigen Hörsturz erlitten. Dabei habe ich nicht nur einen dramatischen Hörverlust erlitten sondern musste mich von da an auch mit beidseitigen Ohrgeräuschen (Tinnitus) auseinandersetzen. Über 30 Jahre hat sich der Hörverlust schwankend, aber in zunehmender Tendenz entwickelt und vor etwa drei Jahren wurde ich als hochgradig schwerhörig eingestuft.

2. Wie hast du persönlich den Hörverlust empfunden?
Ich fühlte mich oft unverstanden, dabei habe ich die Anderen nicht verstanden. Man wurde oft auch nicht ernst genommen. Normalhörende haben keine Vorstellung von den Auswirkungen des schlechten Hörens. Dadurch wird man häufig wie ein Dummer behandelt, nur weil man etwas akustisch nicht verstanden hat. Das deutsche Wort „doof“ kommt von dem englischen Begriff „deaf“ (Taub). Früher war man der Ansicht, dass Taube eine geringere Intelligenzentwicklung haben. Im Ruhrgebiet gibt es z.B. den Spruch „Bist du doof auf den Ohren“.

3. Wie wurdest du von Ärzten, Freunden oder der Familie unterstützt?
Wenig. Schwerhörigkeit kann man nicht sehen und als Betroffener versucht man krampfhaft seine „Behinderung“ zu verstecken und möglichst „normal“ zu funktionieren.

4. Wann und wie hast du von der Möglichkeit eines Hörimplantats erfahren?
Die Möglichkeit eines CI kannte ich bereits aus dem Internet. Allerdings war mir nicht bewusst, wie gut diese Implantate funktionieren. Somit habe ich ein CI immer als „ultima ratio“, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, beurteilt. Wenn ich gewusst hätte, wie gut man damit wieder hören kann, hätte ich mich vielleicht früher damit auseinandergesetzt. Oftmals wissen HNO-Ärzte wenig von den Möglichkeiten einer Implantation.

5. Was ist für dich das Schönste am wieder hören können?
Ich kann relativ problemlos an Unterhaltungen und Besprechungen teilnehmen. Die Kommunikation in der Familie und mit Freunden ist wieder viel intensiver. Man ist wieder Teil der Gesellschaft. Es gibt natürlich immer noch viele Einschränkungen, z. B. in hallenden Räumlichkeiten oder bei viel Störlärm. Aber ich bin sehr froh alltägliche Geräusche wie Vogelzwitschern, Regenprasseln oder den Wind in den Blättern hören zu können, da ich ein sehr naturverbundener Mensch bin. Auch Musik kann ich wieder hören, wenn auch nicht jede mit Genuss.

6. Wie hat sich das Thema Hörverlust auf dein Leben und deine Karriere ausgewirkt? Was hat sich durch das Implantat verändert?
Mit dem eingeschränkten Hörvermögen kam ich mir immer vor wie unter einer „Käseglocke“. Wenn ich gefragt wurde, wie sich schlechtes Hören eigentlich anfühlt, so habe ich es immer mit einem optischen Gleichnis versucht zu erklären. Ich beschrieb das schlechte Hören wie den Blick durch eine Milchglasscheibe. Man sieht Schemen aber keine Details – da ist eine Person oder ein Gegenstand aber man erkennt keine unverwechselbaren Merkmale. Das Implantat ist wie das Aufsetzen einer Brille – plötzlich ist alles wieder erkennbar.

7. Wie erging es dir nach der Implantation?
Ich habe auf Grund der Tatsache, dass ich nie taub war, eine relativ kurze Eingewöhnungsphase durchlebt. Da ich dem Implantat von Anfang an sehr positiv gegenüber eingestellt war, konnte ich die ersten, seltsamen Höreindrücke auch akzeptieren. Ich kam aber sehr schnell mit den neuen Signalen zurecht und konnte einem Gespräch nach drei Stunden schon relativ normal folgen. Nach ein paar Wochen war ich mit meinem Hören schon so zufrieden, dass ich die Reha als unnötig erachtet habe. Dennoch hat mir die Reha definitiv sehr weitergeholfen - nicht nur in Bezug auf mein Hörvermögen, sondern auch dadurch, dass mir klar wurde - ich bin nicht allein.

8. Was möchtest du Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg geben?
Man sollte sich nicht damit abfinden, wenn man mit Hörgeräten nicht zurechtkommt und doch nicht, wie erhofft, am Leben teilnehmen kann. Es ist wichtig, mit dieser Beeinträchtigung offen umzugehen – auch wenn es schwerfällt. Und ansonsten – immer positiv denken und nicht zu früh aufgeben.

"Musik und Hören" Das Interview mit Michael

1. Was bedeutet Musik für Dich?
Es ist gar nicht so einfach zu beschreiben, was Musik für mich bedeutet. Erst einmal ist jedes neue Musikstück eine neue Erfahrung. Der Rhythmus, die Melodie, die Harmonien und der Klang als solches machen ein Musikstück aus und stellen zusammen recht komplexe Anforderungen an das Hören. Da ich mich in der Zeit, in der ich noch ein normales Gehör hatte, sehr intensiv mit dem Jazz auseinander gesetzt habe, war mir schon klar, dass ich mich nach der Implantation immer wieder auf eine Entdeckungsreise einlassen muss. Viele Stücke, besonders im modernen Jazz, erschließen sich nicht ohne intensives und wiederholtes Hören. Aber gerade das habe ich als spannend und anregend empfunden. Musik löst Gefühle aus und meistens suche ich mir Stücke heraus, welche entweder zu meiner aktuellen Stimmung passen oder auch, um eventuell eine Stimmung zu beeinflussen.

2. Wann hast Du nach der Implantation wieder angefangen, Musik zu hören?
Ich habe nach meiner ersten Implantation relativ schnell mit Induktionsschleifen und einem mp3 Player wieder angefangen „meine” Musik zu hören. Darunter waren Jazzstücke u.a. von Dizzy Gillespies, die ich seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte. Ich wollte mit Liedern beginnen, welche mir noch „im Ohr” waren. Das hat sich als hilfreich herausgestellt, da dieses mir beim Erkennen und „Verstehen” der Musik geholfen hat. Das Hören von Musik mit einem Hörimplantat muss genau so trainiert werden wie das bei Sprache der Fall ist. Ich habe mich somit zuerst auf die Stücke konzentriert, die ich früher gerne mochte und habe das Repertoire nach und nach erweitert.

3. Besuchst Du auch wieder Konzerte?
Ich kann mich noch an meinen ersten Konzertbesuch von einer Bigband mit meinem Hörimplantat und Hörgerät erinnern, und es was grausig! Ich habe die Musik mehr als Lärm empfunden, und ich war erst einmal sehr enttäuscht. Ich stellte aber fest, dass das zweite Hörimplantat und das regelmäßige Musiktraining dazu beigetragen haben, dass ich Musik und Konzertbesuche wieder in vollen Zügen genießen kann.