Initiative Endlich Wieder Hören

Initiative Endlich Wieder Hören

Beitrag

Der größte Teil der Arbeit liegt beim Patienten.

Dr. Jan Peter Thomas ist Otologe und Spezialist für implantierbare Hörsysteme im Ruhrgebiet an der Klinik für HNO-Heilkunde der Ruhr-Universität Bochum im St. Elisabeth-Hospital. In das Hörkompetenz- und CI-Zentrum kommen PatientInnen aller Altersstufen. Der Ärztliche Leiter weiß aus Erfahrung nur zu gut, wie nah Hoffnung und Ängste oft beieinander liegen. Und was es für einen guten Behandlungserfolg braucht.

Dr. Jan Peter Thomas im Porträt

Dr. Thomas, in Ihre Sprechstunde kommen viele PatientInnen, die von ihren niedergelassenen ÄrztInnen geschickt wurden. Hat sich der Wissenstand zum Thema CI in dem Bereich verbessert?

Insgesamt nehme ich wahr, dass der Wissensstand zu den Möglichkeiten, die den Patienten die verschiedenen Implantate bieten können, schon viel besser ist als früher. Wobei im Bereich der Bone Bridge oder Sound Bridge sicherlich noch Aufholbedarf besteht. Da ist es manchmal nicht so leicht zu vermitteln, was die Vorteile dieser Systeme gegenüber klassischen Hörlösungen sind, da die Zahl der Fälle relativ niedrig ist.

Gibt es bei Cochlea-Implantaten ähnliche Vorbehalte?

Obwohl das CI mittlerweile sehr verbreitet ist, sehen manche niedergelassenen Ärzte den Nutzen des Implantats erst, wenn sie von den eigenen PatientInnen darauf gestoßen werden. Diejenigen hätten von selbst nie jemanden zu uns ins CI-Zentrum geschickt. Ein niedergelassener Kollege war aber nach seinem ersten Patienten, der von uns mit einem CI versorgt wurde, schließlich so begeistert von dessen Hörerfolg, dass er meinte:

„Ja, das funktioniert ja doch!“

Sind nicht die PatientInnen selbst auch skeptisch?

Einige PatientInnen sind ein wenig skeptisch oder ängstlich, solange sie nicht mit jemandem gesprochen haben, der ihnen vom Leben mit einem CI berichtet. Wir haben dafür zwar keine Standard-Termine, aber wenn unsere PatientInnen so ein Gespräch wünschen, vermitteln wir gerne den Kontakt zu anderen CI-TrägerInnen. Oft braucht es das zum Glück auch gar nicht, da die Menschen bei uns gemeinsam im Wartezimmer sitzen und so ganz automatisch in Kontakt kommen.

Wer wird bei Ihnen vor allem behandelt?

Unser Klientel ist sehr heterogen und unterscheidet sich deshalb in der Behandlung.

So haben wir einerseits Kinder mit nicht-syndromaler und syndromaler Gehörlosigkeit. Dies ist eine sehr große Patientengruppe, denn je früher man sie versorgt, desto besser entwickelt sich das Hören. Wir haben aber auch Erwachsene, die später im Leben von einem Hörverlust betroffen sind und mitten im Berufsalltag stehen. Diese unterscheiden sich wiederum in den sprachlichen Fähigkeiten von seit Kindheit hörbehinderten Erwachsenen, die nie einen Beruf ausgeübt haben und vielleicht unzureichend mit Hörgeräten versorgt sind.

In welchem Alter kommen CIs eigentlich in Frage?

Hier existiert eine sehr große Spannbreite: Bei Kindern mit einer angeborenen Taubheit wird eine Implantation zum Ende des ersten Lebensjahres und manchmal sogar noch früher empfohlen. Bei Erwachsenen mit einer erworbenen hochgradigen Hörstörung existiert keine festgelegte Altersgrenze nach oben hin. Statt des numerischen Alters spielt hier das biologische Alter eine viel wichtigere Rolle.

Nicht nur ältere PatientInnen haben Hemmungen, sich in Behandlung zu begeben.

Ja, der persönliche Leidensdruck ist natürlich entscheidend und umfasst besonders den Einfluss der Schwerhörigkeit auf das alltägliche Leben. Zeit kann allerdings ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Versorgung mit einem Hörimplantat sein: Je länger die Taubheit besteht, desto anspruchsvoller wird es für die Patienten, ein gutes Sprachverstehen zu erlangen.

Für das Gelingen ist es vor allem aber wichtig, dass PatientInnen eine realistische Erwartungshaltung und hohe Motivation zur Durchführung der Therapie mitbringen.

Wie meinen Sie das?

Die Ausgangslage darf nicht eine Konsumhaltung sein:
‚Ich setze ein CI ein und muss nichts mehr machen‘ – so ist es leider nicht.

PatientInnen brauchen die Bereitschaft, am Hören zu arbeiten: Ein Cochlea-Implantat ist im Grunde ein Tor, durch das Sie gehen können, um das Sprachverstehen wieder zu erlernen.

Gibt es einen Behandlungserfolg, der Sie überrascht hat?

Wir hatten einmal eine Patientin, die wir relativ drastisch aufklären mussten. Sie hatte trotz optimaler Hörgeräteversorgung weit über 30 Jahre praktisch keinerlei Sprachverstehen, sodass wir ihr bei der Erwägung hinsichtlich einer Implantation ganz offen sagten: ‚Sie haben kaum noch etwas zu verlieren.‘ Drei Monate nach dem Einsetzen der CIs, nach sehr disziplinierter Therapie, hatte sie bereits 80 Prozent Sprachverstehen wiedererlangt.

Solche Beispiele schüren natürlich auch Hoffnungen, die eventuell enttäuscht werden.

Wir versuchen immer, den PatientInnen eine möglichst realistische Haltung nahezubringen. Indem wir die Verfahren ganz genau erklären, was alles auf sie zukommt und wie die gesamte Behandlung ablaufen wird. Ein großer Teil der Arbeit liegt ja beim Patienten selbst, mit der Operation ist es lange nicht getan – im Gegenteil: mit der Implantation des CI geht es erst richtig los. Die Vorstellung, dass man mit dem Implantat sofort hört wie mit einem gesunden Ohr, ist nicht zielführend für die Therapie. Vielmehr hilft eine realistische Erwartungshaltung, später mit der Hörlösung zufriedener zu sein. Den meisten unserer PatientInnen gelingt das sehr gut.

Was können FreundInnen und Familie für CI-KandidatInnen tun?

Ungeschulte Menschen haben leider oft die Erwartung, dass der oder die Betroffene sofort wieder alles verstehen kann und das ist natürlich nicht der Fall. Man muss dem Patienten Zeit für die Therapie geben und besonders Rücksicht nehmen, das wissen viele zunächst einmal nicht. Insofern ist eine Beratung der begleitenden Angehörigen oft auch sehr hilfreich.

Wie hat sich in Ihren Augen die Versorgung von Menschen mit Hörverlust in den letzten Jahren verändert?

Die bilaterale Versorgung mit Implantaten hat in den vergangenen Jahren zugenommen, vor zehn oder fünfzehn Jahren waren sie noch die Ausnahme. Ende der 90er-Jahre wurden Kinder mit Hörverlust nach Meningitis zum Beispiel standardmäßig nur mit einem Hörgerät versorgt. Doch heute sagen gerade viele PatientInnen, die aktiv im Berufsleben stehen:

‚Warum sollte ich mich mit weniger als der bestmöglichen Hörleistung zufrieden geben?‘

Was erhoffen Sie sich von der technischen Weiterentwicklung der verschiedenen Hörlösungen?

Besonders interessant ist die Forschung auf dem Bereich der optischen Stimulation des Hörnervs. Aufgrund der limitierten Anzahl von Elektroden, mit denen bei einem Cochlea-Implantat die Hörnervenzellen stimuliert werden können, ist die Auflösung des Hörbildes immer noch relativ eingeschränkt im Vergleich zum normalen Hören – auch wenn mit den bislang bereits vorhandenen Implantaten ein sehr gutes Sprachverständnis erreichbar ist. Eine Anregung der Hörnervenzellen über optische Signale könnte diese Auflösung aber möglicherweise drastisch erhöhen , sodass auch das Hören von Musik und das Sprachverstehen in lauter Umgebung noch einmal viel besser für die Patienten werden könnte.

Erfahren Sie hier mehr über Dr. Thomas.