Initiative Endlich Wieder Hören

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Gastbeitrag: Schriftdolmetscherin mit Herz

Für mich stand fest, dass mein Beruf eine sinnvolle und soziale Richtung haben sollte, bei dem meine schnelle Schreibe zum Einsatz kommt. Schon bei der Ausschreibung der Ausbildung zum Schriftdolmetscher merkte ich schnell, das ist absolut mein Ding – eine Chance, als Pionierin Aufklärungsarbeit zu leisten und gleichzeitig eigene Ideen umzusetzen. Währende der Arbeit kann ich anderen Menschen dabei helfen, ihr Leben mit Hörbeeinträchtigung aktiver zu gestalten. Ich bin mit Leib und Seele „Schriftdolmetscherin mit Herz“. Durch meine beruflichen Erlebnisse, ist mir erst richtig bewusst geworden, welche Auswirkungen eine Hörbeeinträchtigung für Menschen im Alltag haben kann. Zudem ist Hörverlust keine Frage des Alters. Besonders Jugendliche unterschätzen die Gefahr wesentlich. Umso mehr freut es mich, dass Initiativen wie Endlich Wieder Hören, auf das Thema aufmerksam machen und Betroffenen Unterstützung bieten.

Als Schriftdolmetscherin bin ich zum einen für Privatpersonen, zum anderen auch für große Firmen und Veranstalter tätig. Im Einzelsetting arbeite ich vor allem mit Privatkunden, die einen Termin beim Arzt, OP-Besprechungen im Krankenhaus oder Gerichtstermine wahrnehmen müssen oder eine berufliche Fortbildung oder Seminar besuchen. Ich begleite meine Klienten direkt zu den Terminen, baue Laptop, externe Tastatur und Stativ auf und schreibe dann mit etwa 400 Anschlägen/Min. beispielsweise ein Gespräch oder Vortrag mit. Auf dem Bildschirm liest mein hörbeeinträchtigter Klient das Gesprochene nach und profitiert nicht nur vom Informationsgewinn, sondern kann auch aktiv nachfragen – wie in einem Gespräch. Für größere Veranstaltungen wird mittels Beamer die Live-Mitschrift auf eine Leinwand projiziert, um allen Anwesenden diesen Informationsgewinn zu ermöglichen – z.B. bei barrierefreien Veranstaltungen.

Schriftdolmetscher sind in Österreich ein sehr neues Berufsbild, aber der Bedarf ist definitiv gegeben. Es werden immer öfters neben dem mittlerweile eher bekannten Gebärdendolmetscher für Gehörlose auch Schriftdolmetscher gebucht. Ein wachsendes Betätigungsfeld sind Kongresse, Tagungen, Konferenzen, aber auch Eventveranstaltungen, Fortbildungseinrichtungen sowie soziale und öffentliche Einrichtungen. Veranstalter merken vermehrt, dass sie ihren Kunden mit Hörverlust einen größeren Dienst erweisen können, als einfach nur schriftliche Informationen per E-Mail zu schicken oder Prospekte und Broschüren zu verteilen.

Zudem schreibe ich für Studenten bei den Vorlesungen an den Universitäten in Wien mit. Aufträge über einen längeren Zeitraum – über eine Stunde – nehme ich mit einer Kollegin zusammen wahr, da das Schriftdolmetschen eine hohe Konzentrationsfähigkeit erfordert und diese mit dem 20-Minuten-Wechsel gewährleistet ist. Ein Erlebnis ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich habe einen Studenten mit Hörverlust bei einer Prüfung zum Bachelor begleitet. Während seiner Prüfung gelang es mir erfolgreich, seine Aufgeregtheit zu bekämpfen. Aber als der Professor dann die Prüfungsfragen an ihn stellte, flatterten mir die Finger beim Tippen. Natürlich bestand „mein“ Student mit Bravour, und ich bin sehr stolz auf ihn, aber auch, dass ich ihn unterstützen durfte. Anschließend bedankte er sich für die Begleitung in den letzten Monaten, da er ohne das Schriftdolmetschen nicht den Ausführungen in den Vorlesungen hätte folgen können.

Für mich bedeutet Schriftdolmetschen einfach nicht nur das Schreiben selbst, sondern das Rundherum ist ebenso wichtig. Ich bin wirklich Schriftdolmetscherin mit Herz, denn ich gehe nicht einfach zum Termin, schreibe und gehe. Mir ist auch wichtig, dass der Klient selbst zufrieden ist und umso mehr freue ich mich über positives Feedback. Es ist eine sehr soziale Tätigkeit, die Einfühlungsvermögen erfordert. Ich leiste zwar eine Dienstleistung, aber das Wohlbefinden auf beiden Seiten ist ebenso wichtig. Manchmal gehe ich heim und denke an die leuchtenden Augen, besonders, wenn Klienten Schriftdolmetschen zum ersten Mal live erleben und dann Kleinigkeiten wie Zwischenrufe aus dem Publikum auf dem Bildschirm mitlesen und mitlachen können.

Ich freue mich, dass der Tätigkeitsbereich Schriftdolmetschen in der Öffentlichkeit immer mehr Aufmerksamkeit bekommt. Im Februar 2015 berichtete die österreichischen Zeitschrift NEWS Leben über meinen Schriftdolmetsch-Service daZUgeHÖREN. Außerdem bin ich bei der Bewerbung zur Unternehmerin 2015 der Wirtschaftskammer Wien unter die Top Ten gekommen – ein deutliches und schönes Zeichen, dass Schriftdolmetschen als Kommunikationsleistung für Menschen mit Hörbeeinträchtigung von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Es spricht sich herum, dass Hörgeschädigte mit der Begleitung eines Schriftdolmetschers wesentlich aktiver am beruflichen und privaten Leben teilhaben und ihren Weg gehen können – ob es um die Erfüllung eines Traums geht, die berufliche Karriere oder private Ziele.

Über Manuela Tengler:
Manuela Tengler ist 47 Jahre alt, wohnt in ihrer Geburtsstadt Wien und ist als Schriftdolmetscherin, Trainerin in den Bereichen Resilienz, Senioren und Gesundheitsförderung und Autorin tätig. Für Manuela war es klar, dass sie sich beruflich sozial engagieren wollte. Als Schriftdolmetscherin ist sie für Menschen mit Hörbeeinträchtigung eine Stütze. Zudem möchte sie mit ihrer Tätigkeit dazu beitragen, die Öffentlichkeit für das Thema Hörverlust zu sensibilisieren und Aufklärungsarbeit leisten. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie verständnislos Menschen sein können. Ihre Großeltern waren beide altersbedingt schwerhörig. Als Kind fehlte ihr die Sensibilität, um mit der Situation entsprechend umzugehen.