Initiative Endlich Wieder Hören

Initiative Endlich Wieder Hören

Botschafter Martin aus Wien (Österreich)

Martin, 48 Jahre ist Sales Manager und Geschäftsführer einer Modeagentur aus Wien.
Sein erstes Cochlea-Implantat erhielt er im Novemeber 2011, die bilaterale Versorgung erfolgte im Dezember 2012.

Martin ist Botschafter weil:

Ich möchte meine Erfahrungen mit anderen Betroffenen teilen und sie dazu ermutigen, sich dem Hörverlust zu stellen und sich wirklich aktiv damit auseinanderzusetzen. Der erste Schritt ist die Akzeptanz, denn nur wenn ich meine Schwäche annehmen kann, kann mir auch geholfen werden.

Erfahrungsbericht Martin

1. Wie stark ist dein Hörverlust? Wann und warum ist dein Hörverlust aufgetreten?
Wenn ich meine Audioprozessoren abnehme, höre ich quasi nichts mehr. Theoretisch sollte ich auf einem Ohr noch ca. 10 Prozent hören, aber das ist natürlich nicht erwähnenswert. Der Hörverlust ist bei mir vor rund 12 Jahren nach einem Italienurlaub aufgetreten. Wir sind aus den Ferien zurückgekommen und ich hatte plötzlich starke Ohrenschmerzen. Es wurde zunächst eine Mittelohrentzündung diagnostiziert und die üblichen Medikamente verschrieben. Nach zwei Wochen musste ich zum Hörtest, der nicht positiv ausfiel. Mein Hörverlust ging nicht weg und wurde immer schlimmer.

Letztendlich wurde mir gesagt, dass ich einen dauerhaften Hörverlust erlitten habe und in Zukunft Hörgeräte würde tragen müssen. Man kann im Endeffekt nicht genau sagen, warum der Hörverlust aufgetreten ist. Da ich in jungen Jahren viel in der Musikszene unterwegs, und mein Gehör oft extremer Lautstärke ausgesetzt war, könnten diese Langzeitschäden zumindest teilweise eine Rolle spielen.

2. Wie hast du persönlich den Hörverlust empfunden?
Für mich persönlich war der Verlust des Hörens sehr, sehr schwierig und ich konnte lange Zeit nicht akzeptieren, dass ich gehandicapt war. Nach meiner Diagnose habe ich dann auch versucht, das Thema zu verdrängen und bin erst nach zwei Jahren wieder zum Arzt gegangen. Ich bin ein sehr visueller Mensch und fand die Vorstellung, Hörgeräte zu tragen natürlich nahezu unerträglich. Irgendwann habe ich es dennoch versucht, aber die Hörgeräte haben am Ende auch nichts mehr genutzt.

3. Wie wurdest du von Ärzten, Freunden oder der Familie unterstützt?
Meine Familie und engen Freunde waren eigentlich relativ bald „eingeweiht“ und wussten über meinen Hörverlust Bescheid. Gerade meine Partnerin hat mich wahnsinnig unterstützt, auch wenn die Situation für sie sehr schwer war. Würde man sie persönlich fragen, würde sie antworten, sie war meine Dolmetscherin: Waren wir in der Öffentlichkeit, hat sie die gesprochenen Sätze für mich lauter und deutlicher widerholt. Auch den Kindern hat sie erklärt, dass man mit dem Papa ganz laut und deutlich sprechen muss. Sie hat mich in dieser extremen Situation „überlebensfähig“ gemacht. Positiv überrascht hat mich auch die Unterstützung und das Verständnis unseres privaten Umfelds. Ich muss sagen, dass ich quasi keine negativen Erfahrungen gemacht habe.

4. Wann und wie hast du von der Möglichkeit eines Hörimplantats erfahren?
Meine ehemalige Lebensgefährtin war wegen einer anderen Sache im Krankenhaus in Wels und wurde auf die Möglichkeit einer Implantation aufmerksam. Sie erzählte mir davon und ich begann, mich damit auseinanderzusetzen.

5. Was ist für dich das Schönste am wieder hören können?
Seit der Implantation hat sich mein Leben eigentlich um 180 Grad gedreht: Ich nehme wieder aktiv am Leben teil und bin beruflich voll einsatzfähig. Am meisten genieße ich es, das Lachen und die Stimmen meiner Kinder zu hören und mit ihnen Zeit zu verbringen. Ich kann meine Rolle als Familienoberhaupt voll ausfüllen. Früher habe ich mich oft vom Essenstisch zurückgezogen, weil ich den Unterhaltungen sowieso nicht folgen konnte. Jetzt freue ich mich, wenn ich am Tischende sitze und mit meiner Familie lachen und reden kann.

Wenn mich mein Sohn morgens weckt, mir als erstes meine Audioprozessoren reicht, mir ins Ohr flüstert und ich das hören kann – das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die Musik, die schon immer ein großer Teil meines Lebens war, ist wieder wichtig für mich. An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal ausdrücklich bei Dr. Keintzel und seinem Team bedanken, die mich vor, während und nach der Implantation bestens betreut, und mich während der gesamten Zeit professionell unterstützt haben.

6. Wie hat sich das Thema Hörverlust auf dein Leben und deine Karriere ausgewirkt? Was hat sich durch das Implantat verändert?
Natürlich hatte der Hörverlust einen massiven Einfluss auf mein Leben und meine Karriere. Ich war immer ein kommunikativer, unternehmungslustiger und offener Mensch, der gerne mit anderen im Dialog stand. Durch den Hörverlust wurde ich quasi über Nacht einer meiner Stärken, nämlich meine kommunikative Fähigkeit, beraubt. Wenn man im Berufsleben steht und nicht richtig Hören kann, ist das ein massiver Einschnitt: Dein Gegenüber wird eine Frage vielleicht einmal, zweimal oder sogar dreimal wiederholen, aber dann wird er vermutlich aufgeben. Gerade für mich als Salesmanager sind Reden und Hören die wichtigsten Tools, um im Job erfolgreich zu sein. Es kann sich jeder vorstellen, wie sich da ein Hörverlust negativ auf den Beruf auswirken kann.

Nach meiner Implantation stehe ich jetzt wieder voll im Berufsleben und habe sogar den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Auch wenn das Telefonieren mit dem Kopfhörer immer noch seltsam für viele erscheint, kann ich jetzt wieder 200 Prozent geben. Gleiches gilt natürlich auch für das Privatleben. Ich spiele Fußball, gehe feiern und auf Konzerte – sprich, ich genieße mein Leben in vollen Zügen.

7. Wie erging es dir nach der Implantation?
Natürlich wurde mir gesagt, dass es nach der Implantation bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis man wieder „normal“ hört. Dennoch hatte ich eine komplett andere Vorstellung von dem, was mich nach der OP erwartete. Nachdem mir die Audioprozessoren aufgesetzt wurden, hörte ich ein Pfeifen und Rauschen, ähnlich einem schlecht eingestellten Radiosender. Ich stieg ins Auto ein und war voller negativer Gefühle: Dafür die ganzen Strapazen? Das Rauschen hielt ca. zwei Tage an, dann wurde es besser. Man konnte in der Zeit nach der OP wirklich tageweise sehr große Fortschritte sehen. Nach ca. einem Monat waren die Geräusche weg und ich konnte gut hören. Weitere drei Monate später entsprach mein Hören dem „normalen“ Hören, das ich vor dem Hörverlust hatte. Ich war begeistert, als ich das erste Mal auf unserer Dachterrasse saß und einen Vogel zwitschern hörte, den ich nicht einmal sehen konnte. Dieses Gefühl war phänomenal.

8. Was möchtest du Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg geben?
Das Stichwort lautet Toleranz. Es ist ganz wichtig, tolerant zu sein. Will der Betroffene über seinen Hörverlust sprechen, sollte man für ihn da sein. Will er das zunächst nicht, weil er sich sein Handicap vielleicht selbst noch nicht eingestanden hat, sollte man geduldig sein und niemanden unter Druck setzen. Ganz praktische Tipps sind lautes und deutliches Sprechen oder das Wiederholen von Sätzen. Allen Betroffenen rate ich, nicht aufzugeben und gegebenenfalls immer weiter nach Lösungen zu suchen.