Initiative Endlich Wieder Hören

Initiative Endlich Wieder Hören

Botschafter Torsten aus Hamburg (Deutschland)

Torsten, 60 Jahre, aus Hamburg ist Journalist.
Seit März 2012 trägt er auf der rechten Seite ein Cochleaimplantat, seit Januar 2017 auch auf der linken Seite.

Torsten ist Botschafter weil:

Gerne würde ich diese Frage mit einer kurzen Geschichte beantworten: Silvester 2013/2014 habe ich als freiwilliger Helfer in einem Hospiz verbracht. Dort unterhielt ich mich mit einem Angehörigen, der selbst als Arzt tätig war. Sein Gehör war sehr schlecht und er erzählte mir, dass ihm sowohl sein HNO-Arzt als auch sein Hörakustiker erklärt hatten, dass es für seinen Fall keine andere Lösung als ein Hörgerät gäbe. Von einem CI hatte er noch nie etwas gehört. Diese Geschichte zeigt mir deutlich, wie gering der Grad der Aufklärung über das Thema Hörverlust in der Bevölkerung und sogar bei Betroffenen und dem Fachpersonal wirklich ist. Die Qualität der Beratung ist in vielen Fällen nicht ausreichend. Man fühlt sich als Betroffener oft völlig alleine gelassen und bekommt viel zu wenig Informationen zu technischen Hilfsmitteln oder Behandlungsmöglichkeiten. Deshalb möchte ich als Botschafter meinen Beitrag zur Aufklärung leisten.

Erfahrungsbericht Torsten

Weitere Informationen

Erfahrungsbericht Torsten

1. Wie stark ist dein Hörverlust? Wann und warum ist dein Hörverlust aufgetreten?
Seit einem Sturz im Alter von circa acht Jahren bin ich auf dem rechten Ohr zu 100 Prozent taub. Um die Jahrtausendwende, es war während eines Spiels der Fußballweltmeisterschaft, erlitt ich ein Knalltrauma – ausgelöst von einer Fanfare, die direkt neben meinem linken Ohr geblasen wurde. Nach diversen weiteren Hörstürzen auf dem linken Ohr bin ich inzwischen gehörlos. Seitdem trage ich auch auf der linken Seite ein CI.

2. Wie hast du persönlich den Hörverlust empfunden?
Als Kind empfindet man einen Hörverlust natürlich als nicht so dramatisch. Vielmehr akzeptiert man die Tatsache und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Meine Mutter schleppte mich allerdings zu diversen HNO-Ärzten, die mir alle nicht weiterhelfen konnten. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Arztbesuch nach meinem Hörverlust: Der Doktor setzte mich auf einen Stuhl, ich bekam Pfropfen in die Ohren gesteckt und mir wurde Luft durch die Nase gepustet. Danach fragte mich der Arzt ob ich wieder hören könne – natürlich war nichts passiert.

Im Erwachsenenalter hat es mich geärgert, dass man als höreingeschränkter Mensch oft behandelt wird, als sei man nicht ganz bei Sinnen. Wenn man beispielsweise auf Fragen nicht antwortet, weil man sie gar nicht gehört hat, wird man als arrogant oder gar verrückt eingestuft. Ich habe mich häufig über die Ignoranz und das Unverständnis der hörenden Mitmenschen geärgert.

3. Wie wurdest du von Ärzten, Freunden oder der Familie unterstützt?
Meine Familie und meine Freunde waren eine große Stütze. Ich wurde bei allen Familienfeiern oder Events immer so gesetzt, dass ich mit meinem damals noch gesunden, linken Ohr gut hören konnte und alle Gespräche mitbekam. Genauso aufmerksam sind meine Freunde auf mich eingegangen. Alle haben sich schnell darauf eingestellt, dass Torsten, also ich, nur mit dem linken Ohr hören kann und so wurde mir immer auf der rechten Seite ein Platz freigehalten. Leider sah es in der Schule komplett anders aus. Von meinen Lehrern wurde ich schnell als „Idiot“ abgestempelt und es wurde wenig getan, um meine Situation zu erleichtern. Bestenfalls wurde ich in der Klasse weiter nach vorne gesetzt.

Da wir in meiner Kindheit oft umgezogen sind, suchte meine Mutter immer wieder neue HNO-Ärzte auf, um eine Lösung für meinen Hörverlust zu finden. Die Erfahrungen waren sehr enttäuschend. Meist wurde ein Hörtest durchgeführt und danach die immer gleiche Diagnose gestellt: Man kann nichts tun.

4. Wann und wie hast du von der Möglichkeit eines Hörimplantats erfahren?
Ich habe bereits vor der Jahrtausendwende einen Beitrag über das Hörzentrum Hannover gelesen, in dem von CIs die Rede war. Damals dachte ich jedoch nicht, dass so ein Implantat für mich relevant sein könnte. 2011 musste ich zu einem weiteren Hörtest, um die Genehmigung für ein neues Hörgerät zu bekommen. Ich sprach meinen HNO-Arzt auf die Möglichkeit des CIs an und er hat schnell abgewunken. Das würde bei mir nicht funktionieren. Zwei Wochen später, als ich das Folgerezept abholen wollte, kam mein HNO-Arzt auf mich zu und meinte, eventuell sei ein Implantat doch eine Lösung für mich und ich solle mich an das Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg wenden. Nach meinem Termin dort habe ich mich intensiv mit dem Thema CI auseinandergesetzt, habe im Internet recherchiert, Berichte gelesen und mit Betroffenen gesprochen.

5. Was ist für dich das Schönste am wieder hören können?
Dank der Implantate habe ich wieder den vollen Hörgenuss und kann die Welt in ihrer ganzen akustischen Vielfalt genießen. Ich wohne in einem Haus mit Garten, das direkt an ein Naturschutzgebiet angrenzt. Bereits zwei Wochen nach der Implantation des ersten CIs konnte ich Geräusche – vor allem im hohen Tonbereich – hören. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hörte ich wieder Vogelgezwitscher und war verwundert über den Klang. Meine Frau klärte mich auf und sagte das seien die Vögel, die ich nun wieder hören konnte.

6. Wie hat sich das Thema Hörverlust auf dein Leben und deine Karriere ausgewirkt? Was hat sich durch das Implantat verändert?
Da ich lange Jahre auf dem linken Ohr gut hören konnte, stellte meine Hörbehinderung eigentlich kein Problem im Job da. Bei Interviews oder in Gesprächen positionierte ich mich immer so, dass ich mit dem linken Ohr alles gut verstehen konnte. Schwierig wurde es natürlich immer dann, wenn ich von rechts angesprochen wurde und nicht reagierte. Dank der Implantate hat sich mein Richtungshören enorm verbessert, was mir natürlich im Job, zum Beispiel bei Interviews, zu Gute kommt. Für größere Gesprächsrunden benutze ich zusätzliche Hilfsmittel wie Mikrofone, die einzelne Stimmen verstärken können. Die Rückfragen meinerseits sind natürlich auch zurückgegangen, da ich jetzt fast alles auf Anhieb verstehe.

7. Wie erging es dir nach der Implantation?
Ich habe rasch Fortschritte gemacht, das hat mich positiv überrascht. Mit Hilfe von Übungs-CDs in Verbindung mit den erstklassigen logopädischen Trainings im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg sowie in der Uniklinik Frankfurt habe ich Stücke wie den Erlkönig schnell brauchbar verstehen können. Die Implantate machen einen massiven Unterschied. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich die Audioprozessoren ausschalte und wieder nichts mehr hören kann. Man merkt erst nach einer Implantation wirklich, was man all die Jahre verpasst hat.

8. Was möchtest du Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg geben?
Ich fordere alle Mitmenschen dazu auf, achtsamer zu sein. Von Hörverlust Betroffene werden oft als desinteressiert, arrogant oder gar dumm abgestempelt, da sie zum Beispiel nicht auf Ansprache reagieren. Ich würde mir wünschen, dass normal Hörende damit anfangen nachzufragen: „Hörst du schwer?“. Ein einfacher Satz, der viele Missverständnisse verhindern würde. Betroffenen rate ich dazu, sich nicht mit negativ ausfallenden Diagnosen zufrieden zu geben. Jeder Betroffene sollte sich so viel wie möglich über das Thema Hörverlust und Hörlösungen wie Implantate oder Geräte erkundigen und sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzen. In der heutigen Zeit muss niemand mehr in der Stille leben.

Marathon-Interview mit Torsten

1. Warum ist das Laufen für Dich etwas Besonderes?
Ich laufe schon seit 30 Jahren, und mir kommt es nicht darauf an, einen Rekord nach dem anderen zu brechen. Ich bin ein Genussläufer! Wenn ich an einem Laufwettbewerb teilnehme, laufe ich immer ohne Uhr. Für mich bedeutet das Laufen einfach pure Entspannung und hat eine meditative Wirkung auf mich. In dem Moment kann ich einfach ich selbst sein. Besonders schön finde ich die Tatsache, dass ich während eines Marathons häufig Strecken laufe, die ich beim Trainieren nicht benutzen kann. Bei einem Stadtmarathon gehören Hauptverkehrsstraßen zur Route. Im Alltag ist es undenkbar dort zu laufen. Für mich ist ein Lauf durch die Stadt wie eine Sightseeingtour, bei der ich nicht auf den Verkehr achten muss.

2. Welchen Unterschied empfindest Du zu früher, als Du ohne CI gelaufen bist?
Als ich das erste Mal mit dem CI gelaufen bin, habe ich erst festgestellt, welche Geräusche ich vorher nicht gehört habe. Ich habe diesen Moment als einzigartig und überwältigend empfunden. Bei einem Stadtmarathon ist der Geräuschpegel rund um die Strecke immer sehr hoch, was ich meistens als störend empfinde. Deshalb laufe ich in der Stadt mit ausgeschaltetem CI, um das Rennen besser genießen zu können. Bei einem Naturlauf dagegen möchte ich die Geräusche um mich herum bewusst wahrnehmen. Das Zwitschern der Vögel oder das leichte Rauschen des Windes machen es zu einem besonderen und friedvollen Erlebnis.

3. Gibt es Marathons, die Du als besondere Highlights empfunden hast?
Ich laufe ungefähr ein Dutzend Marathons pro Jahr und habe schon so viele wunderbare Läufe miterlebt. Zu meinen Favoriten zählt der Hamburger Marathon. Besonders gut gefallen mir der Streckenteil entlang der Alster und die enthusiastischen Zuschauer, die alle Teilnehmer anfeuern. Ein weiteres Highlight waren zwei Teilnahmen am New York Marathon, da dieser nicht nur der größte weltweit ist, sondern auch durch alle Stadtteile geht. Ich habe es sehr genossen, alle Facetten der Stadt an einem Tag auf mich einwirken lassen zu können.