Cyborg im Akustikfieber – Lutz und sein Höruniversum



Jedes Alter hat seine ganz eigenen Versuche, das Geburtsjahr zu verschleiern. So leben wir den Mainstream poppiger, kraftvoller und omnipotenter Zeitgenossen. Um dabei zeitlos mitzuhalten, habe ich mir den ‚Cyborg‘ angewöhnt. Das ist die Spezies aus der Star-Trek-Serie, die halb humanoid und halb robotisch daherkommt. Passt ganz gut, denn meine Ersatzteile werden immer mehr: Der Zahnarzttermin steht wieder an. Inzwischen benutze ich drei Brillen, trotz aller Gleitsichtgläser, die mir bei engen Räumen und Treppen eher Probleme bereiten. Das Kniegelenk hat sich auch schon häufiger gemeldet und im Bekanntenkreis höre ich von diversen Erfahrungen mit der neuen Hüfte. Da ist Selbstbewusstsein angesagt! Und das geht besonders gut, wenn man aus der Zukunft kommt. Lutz und sein Höruniversum

Mein besonderes “Ersatzteil”

Unter meinen Ersatzteilen gibt es noch ein ganz besonderes: Das Mittelohrimplantat! Die Kinder aus Oxford kamen, wie so oft, nach Berlin und die Enkelin tobte wieder remmidemmi im Kreis herum. Bei dem Krach und Gehoppse musste ich irgendwann passen und den Wirbelwind in ruhige verständliche Bahnen lenken. Die Dreijährige sprang auch sprachlich zwischen Deutsch und Englisch hin und her, was akustisch nicht immer so leicht zu verstehen ist. Schließlich verrutschte mein Audioprozessor und hing schon am seidenen Faden in den Haaren. Da kam mir die rettende Idee, wie ich in ruhigen Gewässern wieder Luft holen konnte, ohne mich vor meiner Enkelin zu blamieren.

Der Audioprozessor als Stethoskop

Mama ist Ärztin und ich schlug vor, mich kranken Opa doch gleich per Doktorspiel zu untersuchen. Das geht bekanntlich nur mit Ruhe und Bedachtsamkeit. ‚Ich Cyborg‘ nahm ganz stolz den verrutschten Audioprozessor ab und bot sie der Kleinen als Stethoskop zum Abhören meiner Herzschläge. Und weil die großen Augen staunten, erklärte ich ihr, wozu ich dieses Teil brauche. Nicht hören ist nicht leicht zu erklären, also sprach ich von ‚Akustikfieber‘. Prompt schob sie mir das Fieberthermometer unter den Arm. Dann nahm sie mit ihren kleinen, schon sehr geschickten Fingern das ungewöhnliche Stethoskop vor den Mund und fragte: „Opa wieder gesund?“ Ich steckte mir das Gerät ins Haar. Der akustische Fieberanfall war sofort  vorbei und ich strahlte sie an; mit dem Zeigefinger am Gerät und einem „Horch!“  auf den Lippen. Jedes Mal, wenn ich sie nun auf den Armen trage, zeigt sie ganz vorsichtig auf den Audioprozessor: „Opa horch?“

Tja, was ein moderner Opa, sprich ‚Cyborg‘, nicht alles so bei sich haben muss! Ohne Technik ist man aufgeschmissen!

 

Lutz Rocktäschel, Berlin, 06.05.2019

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