Hörverlust kommt selten allein



“Lange habe ich es regelrecht geheim gehalten (…). Ich hatte Angst. Angst vor Ablehnung, vor dem großen Stempel.”

Eine solche Aussage ist typisch für Menschen, die schlecht hören. Tatsächlich stammt dieser Satz allerdings von der gut hörenden und erfolgreichen Bloggerin Victoria van Violence. In ihrem Buch “Meine Freundin, die Depression” offenbart sie sich einem breiten Publikum als psychisch krank. Victorias Aussage zeigt eindrucksvoll die Parallelen zwischen Hörverlust und Depression: die Angst vor Ablehnung, die Stigmatisierung, der Wunsch, nicht unangenehm aufzufallen.

Schwerhörigkeit betrifft nicht nur die Ohren

Rund 10-12 Millionen Deutsche sind schwerhörig, Tendenz steigend. Eine Schwerhörigkeit betrifft nicht nur die Ohren, sondern hat deutlich weitreichendere Konsequenzen. Sie geht oft einher mit einem Verlust an Lebensqualität und auch mit einem höheren Risiko, in eine Depression zu schlittern.

Bis zur Jahrtausendwende wurden psychische Aspekte bei Hörminderungen weniger Bedeutung zugemessen, weder in wissenschaftlichen Studien noch im klinischen Umgang mit Betroffenen. Mittlerweile ist die wechselseitige Beziehung von Schwerhörigkeit und Depression auch wissenschaftlich bestätigt.

Geringere Lebensqualität

Erst kürzlich wurde eine deutsche Studie (1) zum Thema Lebensqualität und Depression bei Hörminderung veröffentlicht. Die Autoren der Studie stellten fest, dass die Hörbiographie großen Einfluss auf die psychosoziale Gesundheit hat Egal, ob Betroffene schon von frühester Kindheit an gehörlos waren und mit Gebärdensprache groß wurden oder später ertaubten: beide Gruppen schätzen ihre Lebensqualität durch die Hörbeeinträchtigung subjektiv geringer ein als Hörende.

Fühlen sich die StudienteilnehmerInnen der Gehörlosenkultur zugehörig, besteht oft der Druck, sich in einer Welt der Hörenden verständigen zu müssen.

Spätertaubte hingegen möchten lautsprachlich kommunizieren, doch ihr Hörverlust macht ihnen das unmöglich. Besonders im mittleren Lebensalter werden die psychosozialen Auswirkungen auf Beruf, Familie, Sozialkontakte und Freizeitaktivitäten deutlich.

Warum begünstigt Schwerhörigkeit eine Depression? Das liegt vor allem an den Schwierigkeiten bei der Kommunikation außerhalb des engsten Freundeskreises und der Familie. Ohne Hörhilfen können Betroffene nicht an Gesprächen teilnehmen, haben Angst, etwas falsch zu verstehen, sich womöglich gar lächerlich zu machen. Sie ziehen sich immer mehr in die eigenen vier Wände zurück und vereinsamen. Der Weg in die Depression ist vorgezeichnet, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Mögliche Gegenmaßnahmen

Neben psychotherapeutischen Maßnahmen, die auf Hörbeeinträchtigte abgestimmt sind, empfiehlt sich die Versorgung mit Hörhilfen. Bei leichter bis mittelgradiger Schwerhörigkeit bringen konventionelle Hörgeräte eine deutliche Verbesserung der Situation. Bei schwerem Hörverlust bedarf es invasiver Methoden, also einer Cochlea-Implantation. In den ersten sechs bis zwölf Monaten erleben Patienten allerdings diesen Implantationsprozess oft noch als belastend. An die neue Klangqualität mit einem Hörimplantat müssen sich frisch Implantierte erst gewöhnen.

Für Kinder, die schon früh mit einem CI versorgt wurden, stellt sich die Situation anders dar. Sie zeigen im Vergleich mit schwerhörigen Kindern, die Hörgeräte tragen, weniger psychopathologische Auffälligkeiten. Das könnte an der guten Operationsnachsorge, der besseren Akzeptanz des CI und der von Anfang an intensiven psychologischen Betreuung liegen.
Doch auch bei Erwachsenen wendet sich das Blatt meistens nach rund einem Jahr. Das Gehirn hat sich in diesem Zeitraum an das elektronische Hören gewöhnt, der Hörerfolg stellt sich ein und mit ihm auch andere Vorteile. CI-NutzerInnen pflegen wieder häufiger Sozialkontakte, wagen sich wieder unter die Leute. Ein Trend, der durch zahlreiche Studien aus aller Welt belegt wird.

Botschafterin Elisabeth kann sich gut an die psychische Belastung nach ihrer plötzlichen Ertaubung erinnern, die sie mit Hilfe von Psychotherapie und Malerei einigermaßen unter Kontrolle bringen konnte.

„Als ich wieder in ein psychisches Loch zu fallen drohte, entschloss ich mich zur Cochlea-Implantation. Und tatsächlich: mit dem Hören kehrte auch meine Lebensfreude zurück.“

Hilfe annehmen

Sie empfiehlt Betroffenen, professionelle Hilfe bei der Bewältigung psychischer Probleme anzunehmen. Und sie rät – wie zahlreiche Experten – rechtzeitig geeignete technische Hörhilfen zum Ausgleich des Hörverlusts zu verwenden. Sie können das Abdriften in die soziale Isolation verhindern.


(1) Tretbar K et al., Lebensqualität und Depression bei Hörminderung. Eine deutsche Bedarfsanalyse. HNO 2019
(2) Contrera et al. Change in Loneliness after intervention with cochlear implants or hearing aids. Laryngoscope 2017

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