Prof. Heidi Olze im Experteninterview



Prof. Dr. Heidi Olze: Charité – Universitätsmedizin Berlin, Direktorin der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde ©: Charité Berlin

EWH: Hörimplantate bei Senioren kommen immer häufiger zum Einsatz. Welche Kriterien – abgesehen von den audiologischen – müssen im Falle von älteren Cochlea-Implantat Kandidaten für Sie erfüllt sein?

Prof. Olze: Gerade bei älteren Menschen sind die Motivation und der Wille, eine Hörrehabilitation zu machen, Grundvoraussetzung für eine Cochlea-Implantation. Sie müssen das Cochlea-Implantat (CI) selber wollen, nicht nur die Angehörigen. Und es ist ebenso wichtig, dass sie anschließend auch die Hörrehabilitation wahrnehmen können.  Diese erfolgt bei uns an der Charité Berlin meist ambulant. Patienten, die nicht mehr so mobil sind, kann diese Hörrehabilitation gegebenenfalls auch unter stationären Bedingungen oder in spezialisierten Rehabilitationskliniken ermöglicht werden.

Hörrehabilitation ist essentiell – die Arbeit liegt beim Patienten.

EWH: Wie wichtig ist das soziale Umfeld bei Senioren mit Cochlea-Implantat?

Prof. Olze: Sehr wichtig! Wer lange gehörlos war, ist oft sozial isoliert. Es sollte wenigstens ein Gesprächspartner vorhanden sein, im Idealfall mehrere. Mit dem CI können die Nutzer dann wieder engere soziale Kontakte aufbauen.

EWH: Wie lange dauert es im Durchschnitt, bis sich Senioren zu Hörimplantaten entschließen?

Prof. Olze: Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, dass Patienten, die motiviert sind oder die Kontakt zu anderen CI Trägern haben, den Weg zu uns finden. Ich beobachte eine gewisse altersabhängige Motivation. Der Gruppe der über 70-Jährigen liegt viel daran, die Nachteile, nicht kommunizieren zu können, auszugleichen. Ein Hörimplantat zu tragen macht ihnen nicht mehr so viel aus.

Viele Senioren mit Hörgerät wissen dank der Aufklärungsarbeit der letzten Jahre, dass Schwerhörigkeit und geistiger Abbau bis hin zur Demenz zusammenhängen. Niemand will dement werden, wir alle haben davor Angst. Und diese Angst vor den Folgen der Schwerhörigkeit bringt die Patienten zu uns.

EWH: Wieso wirkt sich eine Hörminderung überhaupt auf die geistigen Leistungsfähigkeiten aus?

Prof. Olze: Hörverlust beeinflusst unsere geistige Leistungsfähigkeit durch drei wesentliche Faktoren: die kognitive Belastung steigt, im Hörzentrum des Gehirns kommt es zu funktionellen und strukturellen Veränderungen, und die sozialen Aktivitäten nehmen ab. Zusammen können diese Faktoren einen kognitiven Abbau bis hin zur Demenz einleiten.

EWH: Können Sie uns diese Vorgänge näher erläutern?

Prof. Olze: Unsere Sprachverarbeitung läuft permanent meist unbewusst im Hintergrund ab. Wer schlecht hört, verbraucht für diese Sprachverarbeitung einen Teil des „kognitiven Energietopfs“. Diese Energie fehlt dann beispielsweise bei der Gedächtnisleistung. In der Wissenschaft wird dieser Vorgang als „cognitive load“, also kognitive Belastung, bezeichnet.

Zudem verändert sich mit der Schwerhörigkeit die Struktur im Hörzentrum des Gehirns. Das konnte mit funktionellen MRT-Untersuchungen belegt werden.

EWH: Können Hörgeräte oder Hörimplantate die kognitiven Fähigkeiten von Nutzern positiv beeinflussen?

Prof. Olze: Das ist die große Frage. Es gibt dank der Verbesserung der Lebensqualität auf jeden Fall einen indirekten positiven Effekt. Wir konnten in Studien zeigen, dass sich bereits 6 Monate nach einer Cochlea-Implantation die sozialen Interaktionen der CI Träger verbesserten. In einer Untersuchung mit Patienten mit einem Altersschnitt von 77 Jahren beobachteten wir nach zwei Jahren sogar ein signifikant verbessertes Arbeitsgedächtnis. Das Arbeitsgedächtnis ist ein wichtiger Bestandteil unserer kognitiven Leistungsfähigkeit und steht in direktem Zusammenhang mit dem Sprachverstehen.

EWH: Empfehlen Sie Patienten mit stärkeren kognitiven Einschränkungen ein CI?

Prof. Olze: Eine solche Entscheidung ist immer für jeden einzelnen Patienten individuell zu treffen. Das Thema ist schwierig: wo zieht man die Grenze? Eigentlich sollten demente Patienten nicht versorgt werden. Andererseits tauchen Zweifel auf, ob der Patient wirklich dement ist oder einfach seit vielen Jahren nicht kommuniziert hat. Demente Menschen in Pflegeeinrichtungen, die zusätzlich nicht mehr hören können, sind total verloren. Mit einem Cochlea-Implantat verbessert sich grundsätzlich die Möglichkeit der Kommunikation und Interaktion und damit die Gesamtsituation in der Pflege, weil den Betroffenen wieder eine Teilhabe möglich ist, vor allem, bei beginnender Demenz.

Grundsätzlich würde ich ein CI für Menschen mit kognitiven Einschränkungen nicht ausschließen. Faktum ist, wer lange taub ist, baut kognitiv ab. Die wesentliche Frage ist, was davon wieder reaktivierbar ist.

EWH: Werden viele hörbeeinträchtigte Menschen mit stärkeren kognitiven Einschränkungen bei Ihnen an der Klinik vorstellig?

Prof. Olze: Das ist leider eine große Herausforderung, denn wir können nur jene Senioren beurteilen, die tatsächlich zu uns kommen. Meist sehen wir Patienten, die zuhause von Angehörigen betreut werden. Daher plädieren wir stark dafür, möglichst bald etwas gegen den Hörverlust zu unternehmen, bevor ein geistiger Abbau beginnt. Große Studien aus den USA mit mittelgradig schwerhörigen Testpersonen haben einen kognitiven Altersvorsprung von 7 Jahren ergeben. Diese Probanden waren geistig also um sieben Jahre älter.

EWH: Welche Veränderungen sehen Sie bei Ihren Patienten und deren sozialen Aktivitäten nach der Implantation?

Prof. Olze: Soziale Interaktion basiert auf Kommunikation. Vor der Versorgung mit dem CI schnitten ältere Menschen bei körperlichen Aktivitäten und sozialen Interaktionen schlecht ab. Stress, Ängstlichkeit, psychische Komorbiditäten und soziale Isolation waren ihre täglichen Begleiter. Ohne CI waren die Betroffenen nicht mehr kommunikationsfähig, konnten nicht um Hilfe fragen oder wagten es aus Scham nicht und blieben lieber zuhause. Nach nur sechs Monaten mit Hörimplantat wagten sie sich wieder vermehrt ins gesellschaftliche Leben, betätigten sich körperlich, gingen einkaufen, ins Kino, ins Theater und trafen sich mit Freunden. Und hier schließt sich der Kreis zu den kognitiven Fähigkeiten wieder. Wichtig ist, egal wie alt ein Mensch ist: wenn die Lebensqualität, die Lebensfreude positiv sind, fühlt man sich rundum wohler.

Frau Prof. Olze, wir danken Ihnen für das informative Gespräch!

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