Das Cochlea-Implantat als Wundermittel?



©Klinikum Wels-Grieskirchen.

Ein Gespräch mit Logopädin Lisa Niederwanger über Geduld, Hörrehabilitation und Erfolg und warum das Cochlea-Implantat allein keine Wunder bewirkt.

Geschäftiges Treiben herrscht an der HNO-Abteilung des Klinikums Wels-Grieskirchen. Der nächste Patient wird aufgerufen, Wartende unterhalten sich, Logopäden, Ärzte und Schwestern gehen schnellen Schrittes ihren Wegen nach. Im lichtdurchfluteten Arbeitszimmer von Lisa Niederwanger hingegen kommen Besucher zur Ruhe. Das ist auch wichtig, denn die Logopädin bespricht Wichtiges, für manche wohl Lebensveränderndes mit ihren Patienten. Lisa Niederwanger ist eine der ersten Anlaufstellen für Kandidaten auf dem Weg zur Hörimplantation. Im Interview verrät sie, was es für den Hörerfolg braucht.

EWH: Wann sehen Sie Kandidaten für ein Hörimplantat zum ersten Mal?

LN: Mein erster Kontakt erfolgt bei der Abklärung, also eigentlich schon bevor feststeht, ob jemand ein Hörimplantat braucht. Das individuelle Hör- und Sprachvermögen wird anhand verschiedener Tests ermittelt. Außerdem überprüfe ich die Einstellung der Hörgeräte, die die meisten Patienten schon länger verwenden. Oft braucht es tatsächlich nur eine gute Hörgeräte-Anpassung und kein Cochlea-Implantat (CI), damit der Patient wieder besser hört. 

EWH: Wie geht es weiter?

LN: Wenn feststeht, dass jemand ein Kandidat für ein CI ist, findet vor der Operation eine detaillierte Beratung an unserer Abteilung statt. Dabei informieren wir über den weiteren Verlauf, beantworten Fragen rund um die Implantation und lassen die Patienten den Sprachprozessor auswählen. Dabei sprechen wir auch über die Bedeutung des Hörtrainings.

EWH: Wieviel Nutzen bringt Hör-Reha den CI-Trägern? 

LN: Gezieltes Training beschleunigt nachweislich den Hörerfolg nach einer Cochlea-Implantation. Patienten und Angehörige setzen viel Hoffnung in das CI, weil sie schon so viel Gutes darüber gehört oder gelesen haben. Doch das CI ist kein Wundermittel und die Implantation nur der erste Schritt zu besserem Hören. Es braucht viel Geduld, Motivation und auch Disziplin, den Audioprozessor regelmäßig zu tragen.

EWH: Gibt es Unterschiede beim Hörerfolg zwischen Kindern und Erwachsenen?

LN: Die Hör- und Sprachverarbeitung ist eine hochkomplexe Leistung des Gehirns. Zu den wichtigsten Einflussfaktoren des Hörerfolgs zählen die Ertaubungsursache und -dauer, das Alter, die bisherige Versorgung mit Hörhilfen, das familiäre Umfeld und die Motivation. Fakt ist, dass man in jedem Alter von einem CI profitieren kann. Erwachsene haben oft sehr hohe Erwartungen, vergleichen sich mit Normalhörenden und übersehen dadurch die kleinen Erfolge. Kinder freuen sich über jeden neuen Höreindruck und nähern sich mit großer Neugierde der Welt des Hörens.  Diese Begeisterung in Kombination mit einem fördernden Umfeld ist der Treibstoff für eine rasante Hörentwicklung.

EWH: Wo können Ihre CI-Nutzer eine Hörrehabilitation machen?

LN: Der Verein „Von Ohr zu Ohr“, mit dem wir eng kooperieren, bietet Rehabilitation nach Cochlea-Implantationen für Erwachsene an. Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen. Es gibt außerdem zahlreiche CDs und Apps, mit denen zu Hause, allein oder mit Partner, geübt werden kann. Die Betreuung hörbeeinträchtigter Kinder übernehmen Logopädinnen aus dem FLIP-Team (Familienzentriertes Linzer Interventions-Programm) der Barmherzigen Brüder in Linz. Die Entwicklung des Hörens, der Sprache und des Sprechens sowie die Unterstützung der Eltern stehen dabei im Vordergrund. 

EWH: Wie gut wird die Möglichkeit der Hörrehabilitation angenommen? 

LN: Wir machen unseren Patienten bereits bei dem Beratungsgespräch deutlich, wie wichtig das Hörtraining für ihren Erfolg ist. Die Akzeptanz ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Menschen, die im Laufe des Lebens immer schlechter hören, stehen häufig bereits vor dem ersten Besuch in der HNO-Ambulanz mit CI-Nutzern in Kontakt. Erfahrene CI-Träger wissen heute um die Sinnhaftigkeit von Hörrehabilitation und geben diese Informationen auch weiter. Der Austausch mit Selbstbetroffenen ist immer wertvoll.

EWH: Haben Sie noch eine Botschaft, die Ihnen wichtig wäre?

LN: Ich wünsche mir Wertschätzung für die Tatsache, dass alle Menschen, die in Österreich ein Hörimplantat brauchen, auch eines bekommen. Das ist nicht selbstverständlich, auch nicht in anderen europäischen Ländern. Unseren Patienten entstehen fast keine Kosten und alles wird für sie organisiert. Dankbarkeit wäre mir wichtig.

EWH: Wir danken für das Gespräch!

 

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