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Prof. Beutner

Univ.-Prof. Dr. med. Dirk Beutner

Uniklinik Göttingen – Experimenteller und klinischer Forschungsschwerpunkt in der Hörforschung

Univ.-Prof. Dr. med. Dirk Beutner ist Experte, weil…

…an der Uniklinik Göttingen der experimentelle und klinische Forschungsschwerpunkt in der Hörforschung liegt. Neben dem Innenohrlabor werden im Mittelohrlabor der Klinik Implantate zur Rekonstruktion der Gehörknöchelchenkette entwickelt. Bei Erkrankungen des Mittelohres treten oftmals Grenzfälle auf, wie etwa bei Patienten mit chronischen Entzündungen. Hier muss abgewogen werden, welches Implantat bei diesen Patienten zum Einsatz kommt. Prof. Beutner verfolgt dabei grundsätzlich zwei Prinzipien: zum einen die Sanierung der Grunderkrankung und zum anderen die Wiederherstellung der verlorenen Funktion. Prof. Beutner: „Als Basis muss ein Ohr gesund sein, bevor es für die Hörrehabilitation wieder genauer betrachtet werden kann.“

Für Univ.-Prof. Dr. med. Dirk Beutner bedeutet die Initiative:

„Die Bedeutung dieser Initiative besteht hauptsächlich darin, ein verändertes Bewusstsein bezüglich Schwerhörigkeit zu schaffen bei den Betroffenen, in Familien und in der Bevölkerung. Erreichen möchte man, dass Schwerhörigkeit in jeder Form und Ausprägung nicht hingenommen wird als „da kann man eh nix tun und das war bei meinen Eltern auch schon so“, sondern, dass auch unzureichend versorgte Patienten den Kampf gegen die Schwerhörigkeit nicht aufgeben. Die Initiative sensibilisiert, dass man etwas gegen die meisten Formen der Schwerhörigkeit tun kann. Schwerhörige und deren Umfeld sollen beraten und mit professionellen Zentren, die eine gute, solide Beratung anbieten können, zusammengebracht werden. Die Website dieser Initiative ist für mich wie ein Lotse für Schwerhörige.

Ein Lotse für Schwerhörige

MED-EL: Herr Professor Beutner, welche Patienten sehen Sie in Göttingen überwiegend?

Beutner: Wir sehen Patienten jeden Alters. In unserer Abteilung für Pädaudiologie behandeln wir  gehörlos geborene Kinder, welche durch das Neugeborenen Hörscreening frühzeitig entdeckt werden, aber wir sehen ca. 80 % erwachsene und ältere Patienten. Und 80-90 % davon leiden unter Schallempfindungsschwerhörigkeit, 10-15 % unter kombinierter oder Schalleitungsschwerhörigkeit.

ME: Haben sich in den letzten Jahren Altersstruktur und Indikationen verändert?

B: Ja, das rein numerische Alter ist für uns kein wesentliches Kriterium mehr. Gehörlos geborene Kinder werden in der Regel vor dem ersten Geburtstag implantiert. Aber auch im oberen Alterssegment der Bevölkerung behandeln wir immer mehr Schwerhörige und versorgen diese auch erfolgreich. Ich habe im letzten Jahr einen 94-jährigen Patienten versorgt, der außer an Schwerhörigkeit noch an anderen Einschränkungen litt. Aber für ihn war es wichtig, wieder mit seiner Familie telefonieren zu können oder zum Bäcker gehen und seine Brötchen holen zu können.
Übrigens werden auch mehrfachbehinderte Patienten inzwischen sehr offen für eine Intervention oder ein Implantat beraten.

ME: Wann kommen die erwachsenen Implantatkandidaten zu Ihnen? Und wer ist da die Haupt-triebfeder? Sind es die Patienten selbst oder eher die Angehörigen? Und warum entscheiden sie sich dann letztendlich für ein Implantat?

B: Einerseits gibt es da die beidseitig schwerhörigen, älteren Patienten, die jahrelang mehr oder weniger erfolgreiche Hörgeräteträger waren. Wenn sie und ihr Umfeld merken, es geht nicht mehr, kommen sie meist im Familienverbund für ein erstes Beratungsgespräch. Andererseits sehen wir Menschen, die mitten im Leben stehen, aber auf einem Ohr einen Hörsturz hatten. Die kommen aus freien Stücken: „Herr Doktor, helfen Sie mir bitte, ich brauche mein Gehör wieder.“ Sie haben ein alleiniges Interesse daran, wieder zu hören. Ihr Umfeld nimmt die Hörschädigung in der Regel ja gar nicht wahr.

ME: Wächst die Zahl an einseitig ertaubten Menschen, die zu Ihnen kommt?

B: Ja, es gibt schon eine zunehmende Sensibilisierung für diese Thematik. Es ist auch unter immer mehr Akustikern oder niedergelassenen HNO-Ärztinnen und -Ärzten bekannt als Routineversorgung. Diese Patienten sind weitaus anspruchsvoller, denn vorher war das Ohr gut, jetzt ist es schlecht, und das andere Ohr ist normal. Hier geht es darum, eine realistische Erwartungshaltung zu schaffen, aber auch darum, zügig den richtigen Versorgungsweg einzuschlagen, weil ein über lange Zeit unversorgtes Ohr ein prognostisch ungünstiger Faktor ist.

ME: Welche Fragen stellen Ihnen Patienten vor der Implantation am häufigsten?

B: Welche Risiken hat die Operation? Wie lange muss ich im Krankenhaus bleiben? Wird es bei mir funktionieren? Werde ich damit besser hören können? Was kann ich gewinnen? Was kann ich verlieren? Wie lange ist der Krankenhausaufenthalt? Werde ich Schmerzen haben? Wie lang ist die OP? Welche Risiken sind damit verbunden? Also überwiegend normale, nachvollziehbare Fragen, wenn man sich für diesen Weg entscheidet.

ME: Sie haben in Ihrer beruflichen Laufbahn auch sehr viel Grundlagenforschung betrieben. Wie sehen Sie die Zukunft in Bezug auf Genetik bzw. Optogenetik für die Behandlung von Hörverlusten? Werden Therapien aus diesem Feld in absehbarer Zeit realisierbar sein?

B: Sie haben vollkommen Recht, dass ich über neurowissenschaftliche Arbeiten an inneren Haar-Sinneszellen zum Hören und zur HNO gekommen bin. Und es ist auch so, dass wir besonders hier am Standort Göttingen großes Interesse daran haben, der Schwerhörigkeit auf den Grund zu gehen. Das heißt, dass wir Betroffene genetisch definieren und weg von der großen Diagnose Schallempfindungsschwerhörigkeit gehen, sondern jedem Patienten eine individuelle Diagnose stellen. Wir können in Göttingen neue Gene entdecken, diese im Mausmodell charakterisieren, und gezielt Therapien entwickeln. Das müssen sehr klar definierte Erkrankungen sein. Das gelingt im Mausmodell mit Gentherapie schon sehr gut. Aber für die Mehrzahl der Betroffenen wissen wir die genetischen Grundlagen nicht. Das ist noch ein langer Weg für uns.
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Initiative der Optogenetik. Wir können mit einem elektrischen Cochlea-Implantat sehr gut ein offenes Sprachverstehen erzielen und telefonieren, aber bei der hohen Kunst der melodischen Erkennung und auch der Prosodie- und Musik-Wahrnehmung ist noch viel Luft nach oben. Da ist aus meiner Sicht die Optogenetik der richtige Ansatz.

ME: In zehn Jahren ist das möglicherweise eine Therapieoption?

B: Zumindest werden innerhalb der nächsten Jahre hoffentlich die ersten Studien zu Optogenetik bei Betroffenen ankommen.

ME: Am Uniklinikum Göttingen ist die HNO-Tumorbehandlung ein weiterer Schwerpunkt. Bei einigen Krebstherapien wird das Gehör in Mitleidenschaft gezogen. Die onkologischen Patienten haben oft einen längeren Leidensweg hinter sich. Wie stehen diese Patienten selbst einer Implantation gegenüber? Wie wägen sie eine weitere Operation ab, und wie erleben Sie als Arzt das?

B: Wir sind in Deutschland in der glücklichen Lage, dass wir die Lebensqualität nicht in Zeit und Geld umrechnen. Ich bin sehr froh, dass wir diese Diskussion in Deutschland nicht führen bzw. noch nicht führen müssen.  Und es sind gerade die Patienten, die vielleicht durch onkologische Therapien oder deren Begleiterscheinungen behindert sind in ihrem Leben. Diese profitieren teilweise mehr von einer Intervention, die ihnen Lebensqualität zurückgibt. Wenn sie Probleme mit der Artikulation haben, mit dem Sprechen, mit der Kommunikation, und zusätzlich eine unversorgte Hörstörung, dann sind sie doppelt eingeschränkt. Das Wiedererlangen des Hörens bedeutet für diese Patienten teilweise eine viel größere Zunahme an Lebensqualität, verglichen mit anderen Patienten, die keine weitere begleitende Einschränkung haben. Ich bin in diesen Fällen offen und rate auch dazu.
Identisch verhält es sich bei Kindern mit Behinderungen, die vielleicht zusätzlich eine Sehstörung haben. Wenn das Hören für sie der einzig offene Kommunikationskanal in die Außenwelt ist, dann ist diese Intervention für sie weitaus wichtiger. Auch wenn dadurch trotzdem nicht unbedingt ein offenes Sprachverstehen möglich ist. Aber das ist eine Zunahme an Lebensqualität, die nicht immer in Prozent an zusätzlichem Sprachverstehen gemessen werden kann.

ME: Herr Professor Beutner, ich bedanke mich für das Gespräch.

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