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Man nennt sie zärtlich Frühchen

Doch in Wirklichkeit sind Kinder, die viel zu früh das Licht der Welt erblicken, oft schwerkrank. Sie kämpfen ums Überleben und mit den gesundheitlichen Folgen. Eine davon ist Hörverlust.

Ein Atemzug. Noch ein Atemzug. Und noch einer. Die junge Mutter sitzt vor dem Brutkasten ihres viel zu früh geborenen Babys und beobachtet, wie sich der winzige Brustkorb dank der Atemunterstützung regelmäßig hebt und senkt. Selbständig atmen, ohne maschinelle Unterstützung, gilt als eine der größten Hürden, die Frühgeborene in den ersten Lebenswochen überwinden müssen. Selbständig trinken, ohne Magensonde, als eine weitere –die Mundmuskulatur der Kleinen ist viel zu schwach. Auf der Neugeborenen-Intensivstation (NICU) weiß man außerdem: jede Infektion bedeutet für Frühgeborene Lebensgefahr.

Kinder, die 3 Wochen und mehr vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommen, gelten laut Weltgesundheitsorganisation WHO als Frühgeburt. In Deutschland und Österreich liegt diese Rate bei rund 9%. Geringe Überlebenschancen haben Extremfrühchen ab der 22. Schwangerschaftswoche, also 18 Wochen vor dem eigentlichen Ende einer normalerweise 40-wöchigen Schwangerschaft. Mit jedem Tag im Bauch der Mutter steigt die Überlebenschance. Ab der 24. Schwangerschaftswoche überleben in der westlichen Welt rund 50% der Babys. Das bisher leichteste Frühchen Europas, mit einem Geburtsgewicht von 273 Gramm, feierte im Juli 2020 seinen ersten Geburtstag.

Überleben ist der erste Sieg, den die kleinen Kämpfernaturen erringen. Doch wie sieht es mit den gesundheitlichen Folgen aus? Ein erhöhtes Risiko von Gehirnblutungen, Lungen- und Darmprobleme, eine verzögerte motorische Entwicklung, aber auch Seh- und Hörstörungen zählen zu den häufigsten Langzeitfolgen von Frühgeburten. Besonders gefährdet sind sehr kleine Frühchen (vor der 32. Schwangerschaftswoche oder unter 1500 Gramm Geburtsgewicht) und Extremfrühchen (14 Wochen und mehr zu früh geboren oder weniger als 1000 Gramm Geburtsgewicht).

Luise (3) trägt einen Polster, der so groß ist wie sie bei ihrer Geburt.

Luises früher Start ins Leben

Die heute dreijährige Luise war ein solches Extremfrühchen. Sie erblickte 13 Wochen zu früh das Licht der Welt. Trotz ihres relativ strammen Geburtsgewichts von 1250 Gramm verbrachte sie ihre ersten elf Lebenswochen auf der Neugeborenenstation des Wiener Krankenhauses. „Manchmal glaubte ich, Luise maturiert dort!“, lacht ihre Mutter Nora rückblickend.

Die ersten Wochen waren hart, doch Nora zweifelte keinen Augenblick daran, dass ihre kleine Kämpferin überleben würde. „Luise war schon damals extrem willensstark und das ist sie auch heute noch.“ Zwei schwere Infektionen, eine mit hohem Fieber und einer lebensbedrohlichen Magenblutung, musste das zarte Mädchen auf der Intensivstation durchmachen. Hochdosierte Medikamente retteten ihr junges Leben.

Doch der Preis dafür war hoch.

 

Erhöhtes Risiko: Hörverlust
Zahlreiche Studien aus aller Welt belegen, dass Frühgeborene einem erhöhten Risiko für Hörverlust ausgesetzt sind. Je kleiner und unreifer die Babys zur Welt kommen, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit. Untersuchungen kanadischer Wissenschaftler an 3700 Frühgeburten vor der 29. Schwangerschaftswoche ergaben, dass 2,6% von ihnen aufgrund ihrer Schwerhörigkeit Hörgeräte oder Cochlea-Implantate verwendeten.

Auf ähnliche Zahlen kamen auch schwedische Forscher. 2,1% der von ihnen untersuchten Extremfrühchen, allesamt mindestens 13 Wochen zu früh geboren, waren hörbeeinträchtigt. Diese Rate liegt viermal höher als bei Kindern, die zum Termin zur Welt gekommen sind.

Warum gerade Frühchen?
Besonders die kleinen Frühchen, also jene, die bei der Geburt weniger als 1500 Gramm wiegen, haben oft auch schlechte Agpar-Werte. Diese Werte zeigen an, wie gut es dem Baby unmittelbar nach der Geburt geht. Internationale Forscherteams machen als häufigste Ursachen für Hörverlust bei Frühgeburten die folgenden Auslöser aus:

  • Gehörschädigende („ototoxische“) Medikamente, z.B. bestimmte Antibiotika zur Behandlung von massiver Gelbsucht, Sauerstoffmangel oder Infektionen.
  • Mechanische Beatmung, die länger als 5 Tage dauert
  • Gehirnblutungen
  • Lärm im Brutkasten, etwa von Überwachungsmonitoren oder Beatmungsgeräten Die Wiener Studie „Sounds of Silence“ maß Spitzenwerte von weit über 100 Dezibel im Brutkasten, vor allem bei den tiefen Tönen. Der empfohlene Schwellenwert liegt bei 35 Dezibel.

Auf (Extrem-) Frühchen treffen häufig mehrere Risikofaktoren gleichzeitig zu, die zu dauerhaftem Hörverlust führen können. Durch ihre Unreife erleiden sie öfter Gehirnblutungen, kämpfen mit massiver Gelbsucht und Sauerstoffmangel und müssen oft wochenlang beatmet werden.

Leben in Zeitlupe
Auch bei Luise trafen mehrere Risikofaktoren zusammen. Sie brauchte wochenlang ein Gerät zur Atmungsunterstützung, lag fast drei Monate lang im lauten Brutkasten und ihre Infektion musste mit starken, lebensrettenden Antibiotika behandelt werden. Diese waren vermutlich gehörschädigend. Denn bei wiederholt durchgeführten Hörtests, auch nach Luises Entlassung aus dem Krankenhaus, zeigte sie keinerlei Reaktion. Als das Mädchen vier Monate alt war, stand endgültig fest: Luise ist taub.

„Die Diagnose war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich ihre Mutter Nora. „Ihr Kind ist taub, aber Sie können es mit einem Cochlea-Implantat versorgen lassen“, erklärte uns die behandelnde Ärztin empathielos. In den ersten drei Tagen danach lebten wir wie in Zeitlupe, wie eingefroren“, erzählt Nora. Sie sorgte sich, dass Luises ganzes Leben so schwer werden würde wie ihre ersten Lebenswochen. Dass ihr viele Möglichkeiten versagt bleiben würden. Und dass sie nie Mama sagen würde.

Doch das Leben in Zeitlupe währte nicht lange. Nora, selbst Sonderpädagogin in einem Integrationskindergarten, beschloss nach dem ersten Schock, das Leben ihrer Tochter aktiv zu gestalten. Sie knüpfte Kontakte zu Eltern anderer Kinder mit Cochlea-Implantaten und verlor die Angst vor dem Unbekannten. Die Familie entschloss sich zur Implantation.

Aufgrund von Luises langen Krankenhausaufenthalten in den ersten Lebensmonaten und der Tatsache, dass sie aufgrund ihrer Frühgeburt noch viel aufholen musste, wurde sie erst mit 15 Monaten implantiert. Heutzutage werden Kinder in Österreich meist im ersten Lebensjahr mit zwei Cochlea-Implantaten versorgt.

Luise akzeptierte ihre elektronischen „Ohren“ von Anfang an, trug die Audioprozessoren immer und ihre sprachliche Entwicklung verläuft erfreulich.

Frühchen-Mama Nora ortet naturgemäß auch Nachteile, auf die Familien mit cochlea-implantierten Kindern stoßen. „Ich kann Luise nachts, wenn sie schläft und schlecht träumt, nicht durch sanftes Zureden beruhigen. Ohne Audioprozessor hört sie mich ja nicht.“

Heute besucht Luise den Kindergarten und entwickelt sich trotz ihres schweren Starts ins Leben zur großen Freude ihrer Eltern altersentsprechend.

Man nennt sie zärtlich Frühchen. Doch in Wirklichkeit sind diese Kinder bewundernswerte, starke Kämpfernaturen.

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